Start-up vs. Abwanderung

Aufruf für eine neue Start-up-Kultur

Im jüngsten Start-up-Monitor war Sachsen-Anhalt das Bundesland mit der geringsten Gründerquote. Nur 0,2 Prozent aller Gründungen erfolgen in unserem Bundesland. In den peripheren ländlichen Regionen scheint es keine ausgeprägte Start-up-Kultur zu geben. Doch warum eigentlich?

An zu wenigen innovativen, jungen Menschen kann es nicht liegen. 2015/2016 waren rund 55.000 Studenten an den Hochschulen des Landes eingeschrieben. Ein respektabler Wert für ein derart dünnbesiedeltes und „unterjüngtes“ Bundesland.

Das Problem an der Sache ist: Jedes Jahr verlassen zwei Drittel aller Hochschulabsolventen Sachsen-Anhalt nach dem Studium. Dieser Braindrain kostet der Volkswirtschaft unseres kleinen Bundeslandes jährlich Millionen Euro. Sachsen-Anhalt investiert in jeden Studenten im Schnitt über 10.000 Euro während dessen Studiums. Multipliziert man diesen Abwanderungssaldo mit den Investitionen je Studenten, macht dies einen „Verlust“ im dreistelligen Millionenbereich.

Zwar sind Investitionen in Bildung zweifelsohne wichtig und auch die seit März regierende Kenia-Koalition hat sich vom Sparzwang für die Hochschulen verabschiedet, dennoch muss die Frage gestellt werden, wie Sachsen-Anhalt die Rendite der Hochschulausgaben erhöhen kann. Bisher profitieren von den Hochschulausgaben hauptsächlich andere Bundesländer mit attraktiven Arbeitsplatzangeboten.

Dabei könnte Sachsen-Anhalt das Land der Chancen sein. Und zwar außerhalb klassischer Arbeitnehmerverhältnisse. Die Rechnung ist einfach: Knowhow + Start-up-Perspektiven = sinkender Braindrain.

Doch was sind eigentlich Start-ups, die wir unter Namen wie Hellofresh, Spotify oder BlaBlaCar kennen? Start-ups sind jünger als 10 Jahre, sie sind mit ihrem Geschäftsmodell und/oder der Technologie (hoch) innovativ und haben oder streben ein signifikantes Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum an. Die zwei letztgenannten Punkte bieten eine Chance, unsere Bildungsrendite zu erhöhen. Sachsen-Anhalt könnte dabei eine Vorreiterrolle einnehmen für junge Gründer. Hier gibt es preiswerte Gewerberäume, eine gute Infrastruktur und unendlich viele (jedenfalls direkt nach dem Ende des Studiums) motivierte, gut ausgebildete junge Menschen. Nun wäre es an der Zeit, dass wir eine progressive Start-up-Szene forcieren.  

57 Prozent der Gründer wünschen sich eine Erleichterung im Bereich der Gesetze und Regularien. 17 Prozent wünschen sich Steuererleichterungen. Genau hier sollte eine neue Wirtschaftspolitik ansetzen. Das Land hat dazu die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um strukturschwache ländliche Räume zu attraktiven Ansiedlungsorten zu verhelfen. Wir brauchen die Silicon Valleys im Salzlandkreis und in der Börde. Denn für innovative Start-ups ist es möglich, aus der Peripherie heraus Weltmärkte zu erobern. Für das Zentrallager von Zalando dürfte es unerheblich sein, ob die Produkte aus München, Wien oder einem Standort nahe der A2 versendet.

Die Stärkung von Start-ups ist sinnvoll, um die Regionen unsere Bundeslandes im Wettbewerb mit anderen Standorten voranzubringen. Ziel muss es sein, die Innovationskraft vor Ort zu binden, denn das Ansiedeln von kreativen Köpfen und klugen Innovatoren hat viele positive Nebeneffekte. Am Ende der Kette kämen den Kommunen die Rückflüsse der Lohnsteuern zugute. Um diese Kettenreaktion auszulösen, braucht es eine Initialzündung, die Gründern Tür und Tor öffnet.

Autoren

Dr. Roger StöckerDr. Roger Stöcker / www.rogerstoecker.de
Dr. Roger Stöcker, geb. 1984, wohnt in Hecklingen (SLK) und Magdeburg, studierte Politikwissenschaft, Wirtschaftspädagogik und Geschichte, promovierte zum Doktor der Staats- und Wirtschaftswissenschaften, arbeitet als Unternehmer und lehrt als Wissenschaftler an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, forscht zur Zeit zu regionalen Wirtschaftsräumen, ist kommunalpolitisch aktiv (Stadtrat, sachkundiger Einwohner Landkreis), ist Kreisvorsitzender der SPD im Salzlandkreis.

Markus BauerMarkus Bauer / www.markus-bauer.biz
Markus Bauer, geb. 1971, wohnt ein Nienburg (SLK), studierte Wirtschaftsrecht, war Bürgermeister, ist Landrat des Salzlandkreis und stellv. Landesvorsitzender der SPD Sachsen-Anhalt.

Philipp KörnerPhilipp Körner
Philipp Körner, geb. 1991, wohnt in Schönebeck (Elbe), studiert Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften und ist Stadtrat in Schönebeck.

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Magnus Neubert sagt:

    Leider endet der Artikel dort, wo es spannend wird. Was wäre denn eine Initialzündung für Start-ups? Bürokratieabbau? Steuersenkung? Und reicht das?
    Ich halte die Analyse zu einfach, weil sie einen entscheidenten Punkt ignoriert. Ballungsräume sind auch deswegen für junge, hochqualifizierte Menschen attraktiv, weil sie dort ein anspruchsvolleres Leben führen können. Hinzu kommt, dass ein Start-up immer noch Risikokapital ist, also es eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass es scheitert. Ballungsräume haben den Vorteil, dass diese hochqualifizierten Menschen leichter einen anderen Job bekommen, ohne den Wohnort wechseln zu müssen. Im ländlichen Raum eher unwahrscheinlich. Gerade für junge Menschen mit Familie ein entscheidendes Kriterium. Es ist also neben bürokratischen und steuerlichen Hürden weitaus schwieriger für Unternehmen allgemein qualifiziertes Personal zu akquirieren.

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